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Neue Zürcher Zeitung Donnerstag 20. August 1998
Herrliche Aussichten - Wandern und Klettern im wildromanatischen Erstfeldertal.
Wer das Erstfeldertal erwandern und entdecken will, muss sich Zeit nehmen. Vom Eisenbahnerdorf
führt eine kurvige Strasse hinauf ins westlich von Erstfeld über einer steilen Wandstufe gelegene
Tal. Für ein paar Franken kann man sich bis weit ins Tal chauffieren lassen. Dies lohnt sich,
schliesslich macht das Wandern auf der geteerten Strasse nicht nur keinen Spass, sondern ist auch
sehr ermüdend. Gut eineinhalb Stunden braucht man zu Fuss von Erstfeld bis Bodenberg. Die
Emsigkeit des Eisenbahnerdorfes und das Gedröhne der Gotthardautobahn liege nun weit hinter
uns. Wohltuend die Ruhe des wildromantischen Tals und das endlose Rauschen des Alpbachs.
Jetzt heisst es den Weg unter die eigenen Füsse zu nehmen, über die Metten Richtung Chüeplangg
bis zu einer Weggabelung. Hier muss sich der Wanderer entscheiden welchen Weg er hinauf zur
Kröntenhütte nehmen will. Die etwas einfachere, dafür aber auch längere Route über die Chüeplangg
oder den kürzeren Weg über den Geisspfad, ein steiler Aufstieg im Zickzack und über Tritte, der
manchen Tropfen Schweiss kostet. Auf dem Bänklein bei der sogenannten "Hutzitanne" ist eine
kurze Rast angesagt. Zeit, etwas zu trinken und frische Heidelbeeren zu naschen, günstige
Gelegenheit aber auch die herrliche Aussicht ins Erstfeldertal zu geniessen. Auf der rechten Talseite
stehen die dunklen Gneisgräte und Zacken der Kröntengruppe, auf der linken streben die hellen
Kalkwände der Geissberge und des Fläugenfadhorns gegen den Himmel. Abgeschlossen wird das
Tal durch den mächtigen Schlossberg, die Schlossberglücke und den Glattfirn, hinter dem die Zacken
des Spannortes aufragen.
Über vom Gletscher abgeschliffene Steinplatten und einer eindrücklichen Gletschermühle vorbei geht
es weiter. Nach rund zwei Stunden taucht die Kröntenhütte auf. Die 1921 erbaute und 1940 erweiterte
Hütte mit ihren 86 Schlafplätzen ist Eigentum der Sektion Gotthard des SAC und wird seit Jahren vom
versierten Bergführer Markus Wyrsch und seiner Frau Irene geführt. Während ihre Kinder Corinne,
Dominik und Tanja neben der Hütte in einem kleinen Schwimmbecken planschen, erklärt uns Markus
Wyrsch "seine Bergwelt", die Gipfel von Krönten, Zwächten, Spannort und Schlossberg, den
Übergang zur Leutschachhütte über den engen Ruchpass oder die Kletterrouten an den Felsen des
Päuggenstöcklis. Wenn es die Zeit erlaubt, dann macht Hüttenwart Markus Wyrsch auch eine Führung
in die umliegenden kleinen Hochmoore zeigt den erstaunten Laien, dass hier oben auf 1900 Metern
über Meer fleischfressende Pflanzen wie der Sonnentau vorkommen. Nach dem Zimmerbezug und
dem Abendessen kann man vor der Hütte noch das Alpenglühn bewundern.
Tagwache ist kurz nach 4 Uhr. Nach einem währschaften Frühstück geht es noch im Dunkeln los,
zusammen mit Bergführer Markus Wyrsch Richtung Krönten, mit 3107.7 Metern der höchste und
meistbesuchte Gipfel der Kette, der aus zwei durch eine etwa 10 Meter tiefe Scharte getrennte
Gipfeltürmen besteht. Von der Kröntenhütte führt der Weg in den Kessel des Obersees, von hier über
Grasfelder, Geröll und Schneefelder zum Oberseemandli. Über den Graw-Stock erreicht man den
Glattfirn. Angeseilt und mit Steigeisen geht es über den Gletscher weiter zum breiten Schnee- und
Schuttrücken des Krönten-Westgrates und über diesen schliesslich zum westlichen Gipfelturm.
Dieser ist laut dem SAC-Führer "Urner Alpen West" leicht zu besteigen. Dennoch war ich froh, dass
Markus Wyrsch mit von der Partie war und uns sicher auf den Gipfel führte. Kurze Zeit liessen wir
unsere Blicke in die Ferne schweifen. Nachdem wir uns verpflegt hatten, nahmen wir den Abstieg
unter die Füsse. Nach der Rückkehr vom Krönten hiess es Abschied nehmen von der Kröntenhütte
und der Familie Wyrsch. Wir entschieden uns diesmal für die längere Route. Zuerst ging es hinunter
zum idyllischen Fulensee. Ziemlich steil ging es dann hinab auf die Chüeplangg hinab auf die
Chüeplanggalp. Im Hintergrund der imposante Abbruch des Schlossberggletschers. Diesen Gletscher
wollte man in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wirtschaftlich nutzen. 1877 erhielt ein
Luzerner von der Urner Bezirksgemeinde die Bewilligung, am Gletscher Eis auszubeuten und es mit
der Hilfe einer Seilanlage zu Tal zu befördern. Anschliessend sollte das Eis per Bahn in die übrige
Schweiz transportiert und für teures Geld an Bierbrauer, Wirte und Lebensmittelhändler
weiterverkauft werden. Doch das Geschäft mit dem Eis aus dem Erstfeldertal klappte nicht. Der
Luzerner verkaufte seine Konzession einem Basler Politiker. Aber auch diesem brachte das
unternehmen in den Urner Bergen nichts als Ärger. Geblieben sind das Eis und die riesigen
Wassermengen, die während der Schneeschmelze im Alpbach zu Tal stürzen. Dem Bach entlang
geht es nun talauswärts Richtung Erstfeld. Durch den fast schon märchenhaften Sulzwald erreicht
man schliesslich wieder Bodenberg.

Ambros Zgraggen